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Der Rat der Klimaweisen

Seit ein Fehler im neuesten IPCC-Bericht bekannt wurde, steht der Weltklimarat in der Kritik. Aber wer verbirgt sich hinter dem Kürzel IPCC, und wie arbeitet dieses Gremium?


Peinlich war die Sache schon. Da hieß es, bis 2035 würden alle Gletscher im Himalaya geschmolzen sein. Eine Vorstellung, bei der einem schon mulmig werden kann. Doch dann stellte sich heraus: Die Jahreszahl stimmte gar nicht, gemeint war vermutlich 2350.
Dieser Fehler unterlief dem Weltklimarat IPCC im zweiten Teil seines Syntheseberichts 2007 auf Seite 493. Die Experten hatten sich auf eine nicht offiziell publizierte Angabe gestützt, diese aber nicht weiter überprüft. Ein falsches Detail in einem Wust aus tausenden von Zahlen, Fakten und Einschätzungen – das kann passieren, möchte man meinen. Trotzdem meldeten sich sogleich die Leugner des Klimawandels zu Wort und führten die „Gletscher-Ente“ als Beweis heran, dass die Wissenschaftler mit falschen Zahlen operierten und alles halb so schlimm sei. Wegen der schlechten Kommunikation zu diesem Fehler im IPCC-Bericht forderten einige, auch deutsche Forscher den Rücktritt des IPCC-Vorsitzenden Rajendra Pachauri.

Trotz der falschen Jahreszahl besteht an der grundsätzlichen Aussage aber kein Zweifel: Die Gletscher, auch die meisten Gletscher im Himalaya, sind auf dem Rückzug – und der Klimawandel lässt sie schmelzen.

Allgemein wird die Rolle des IPCC oft überschätzt. Er arbeitet mit etwa 10 hauptamtlichen Wissenschaftlern und bedarfsweise weiteren Mitarbeitern, die die Vorsitzenden der drei Arbeitsgruppen unterstützen. Ca. 450 Haupt- und ca. 800 Nebenautoren in drei Arbeitsgruppen stellen alle 5 bis 8 Jahre aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse zu einem Bericht zusammen. Bis der vierte Bericht veröffentlicht wurde, überarbeiteten in drei Runden bis zu 2500 „Reviewer“ den Bericht.

IPCC steht für „Intergovernmental Panel on Climate Change“, übersetzt also „Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaveränderungen“. Es handelt sich um eine Organisation der Vereinten Nationen, deren Vollversammlung im Dezember 1988 die Gründung des Rats beschloss. Aufgabe des IPCC ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel sowie Strategien zur Vermeidung und Anpassung zusammenzufassen und für Entscheidungsträger aufzubereiten. 1990 legte der Klimarat seinen ersten umfassenden Report vor, der die Öffentlichkeit aufrüttelte und den Weg zur Klimakonvention von Rio ebnete. Weitere Berichte erschienen 1995, 2001 und zuletzt 2007. Daneben entstanden mehrere Sonderberichte zu Detailfragen wie der Abtrennung und Speicherung von CO2.
Derzeit gehören 194 Staaten dem IPCC an, dessen Sekretariat in Genf angesiedelt ist. Etwa einmal im Jahr treffen sich die Delegierten der Mitgliedsländer zum Plenum, wo sie über organisatorische Fragen wie die Wahl des Vorsitzenden, Budgetangelegenheiten oder die Aufgaben der drei Arbeitsgruppen befinden. Die Arbeitsgruppen befassen sich mit den physikalischen Grundlagen des Klimawandels (WG1), seinen Auswirkungen auf Ökosysteme und Gesellschaften (WG2) sowie Möglichkeiten den Klimawandel zu begrenzen (WG3). Die Autoren stellen bestehende Forschungsergebnisse zusammen, die schließlich in die IPCC-Berichte eingehen. Sie alle arbeiten ohne Bezahlung!

Der IPCC steht bezüglich seiner Weiterentwicklung vor der Herausforderung, wie man wissenschaftliche Spitzenkräfte als Autoren gewinnt und wie die Auswahl der Autoren sowohl nach Qualität wie auch nach regionaler Verteilung erfolgen kann. Derzeit haben Regierungen das Recht, Wissenschaftler als Autoren für die IPCC-Berichte vorzuschlagen und können so möglicherweise Einfluss auf die Ergebnisse nehmen. So kritisiert Hans Schellnhuber vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK), die Autoren würden „nicht strikt nach wissenschaftlicher Kompetenz ausgewählt“.
Zudem fordert Schellnhuber, der IPCC solle sich künftig nur noch auf Studien stützen, die das normale wissenschaftliche Peer-Review-Verfahren durchlaufen haben und in einer anerkannten Fachzeitschrift erschienen sind. Derzeit finden auch Daten und Untersuchungen aus so genannten „grauen Quellen“ in die Berichte Eingang – wie im Fall der Himalaya-Gletscher. Denn der Review-Prozess dauert oft sehr lange, so dass zu vielen Aspekten noch gar keine publizierten Studien vorliegen.
Die wissenschaftliche Gemeinde hat aus der Kritik gelernt und ein Gremium eingesetzt, welches die Verfahren des IPCC überprüft und bis Ende Oktober 2010 Verbesserungsvorschläge erarbeitet. Die Zeit drängt: Der 5. IPCC-Bericht soll 2013/14 erscheinen.

Verfasser: Verbraucherzentrale Hessen e.V.