Interview mit Reiner Jäkel

Reiner Jäkel, Geschäftsführer des Hessische Jugendrings, äußert sich im Interview zu den Ergebnissen der repräsentativen Forsa-Befragung „Lebensqualität – Glücklich in Hessen!?“. Er betont dass die hessischen Jugendlichen – insbesondere im bundesweiten Vergleich – sehr engagiert sind.

 

Herr Jäkel, fast alle (96 %) der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Hessen sind nach eigenem Bekunden alles in allem mit ihrem Leben zufrieden (53 %) oder sogar sehr zufrieden (43 %) – überrascht Sie diese hohe Zufriedenheit?

 

Das überrascht mich durchaus – und ich bin sehr froh über diese Überraschung. Es gibt Jugendliche in Vereinen und Verbänden, die sich Veränderungen wünschen und zum Beispiel die Möglichkeit der Partizipation von Kindern und Jugendlichen in Hessen thematisieren. Dazu gehört etwa, ein Wahlalter auf kommunaler Ebene ab 16 Jahren einzufordern. Das zeigt, dass Jugendliche durchaus auch kritisch sind und einen Veränderungsbedarf sehen. Das muss aber ganz offensichtlich nicht bedeuten, dass sie mit ihrem Leben in Hessen unzufrieden sind. Ich finde das deshalb eine sehr positive Zahl. Und gleichzeitig finde ich es auch positiv, dass sich viele Kinder und Jugendliche auch kritisch mit ihrer Lebenssituation auseinander setzen.

 

Die Umfrage ergab, dass junge Menschen Verantwortung für sich und ihr eigenes Handeln übernehmen möchten. Für sich selbst und eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen, ist laut 85 Prozent der Befragten bei Jugendlichen angesagt – passt das zu dem Bild, das Sie von Jugendlichen heute haben?

 

Das passt sehr gut zu dem Bild, das ich von Jugendlichen habe – und nicht nur von heute, sondern bereits seit vielen Jahren. Wir als hessischer Jugendring stehen für die Kinder- und Jugendverbände in Hessen, die sich als Selbstorganisation von Kindern und Jugendlichen verstehen. Das heißt, junge Menschen entscheiden hier selbst, welche Projekte sie durchführen und welche Themen sie anpacken wollen, sie organisieren selbst ihre Freizeit – und das mit einem sehr großen Engagement. Sie zeigen dabei auch immer wieder, wie viel tolles Potential in ihnen steckt und was sie bewegen können. Und daher kann ich dieses positive Bild auch sehr gut nachvollziehen.

 

Die Umfrage zeigt: Junge Menschen sind sensibilisiert und haben bereits ein hohes Problembewusstsein beispielsweise in Sachen Umwelt- und Klimaschutz. 80 Prozent der Befragten geben an, sich sehr große Sorgen darum zu machen, dass die Umwelt zerstört wird. Die Zahl derer, die sich bereits aktiv engagieren, ist allerdings – verglichen mit dem Problembewusstsein – nicht so hoch. Wie schätzen Sie das Engagement hessischer Jugendlicher aus Ihrer Perspektive ein?

 

Da möchte ich sehr gerne die Zahlen aufgreifen, die die Umfrage ergeben hat. Es wurde beispielsweise festgestellt, dass 18 Prozent der Jugendlichen in Hessen sich in Projekten im Bereich Umwelt- und Tierschutz engagieren. Das ist eine sehr positive Aussage, wenn man sich im bundesweiten Vergleich die Zahlen anschaut: Auf der Bundesebene gibt es alle fünf Jahre eine Abfrage der Engagementquoten. Die letzten dazu vorliegenden Zahlen sind von 2009; die von 2014 sind leider noch nicht veröffentlicht. Diese Erhebung zeigt, dass sich im Bereich Natur und Tierschutz nur 6,2 Prozent der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ab 14 Jahren engagieren. Verglichen damit haben wir mit den 18 Prozent hessischer Jugendlicher zwischen 14 und 24 Jahren ein absolut tolles Ergebnis und man sieht, wie stark das Engagement in diesem Bereich tatsächlich ist. Außerdem glaube ich, dass dieses Engagement auch ein großer Schritt ist: Denn schließlich gilt es, einen Teil der ohnehin immer knapper bemessenen Freizeit zu investieren. Daher muss ich sagen, finde ich die Quote von 18 Prozent sehr positiv für Hessen. Damit liegen wir weit über dem Bundesdurchschnitt. Die Verbände und Vereine, die in diesem Bereich arbeiten, machen offensichtlich eine sehr gute Arbeit. Ich finde, es besteht überhaupt kein Grund, dass wir hier ein negatives Bild vom Engagement hessischer Jugendlicher zeichnen. Ganz im Gegenteil! Ich möchte das an einer weiteren Zahl verdeutlichen: Die Forsa-Befragung zeigt, dass für 39 Prozent der Jugendlichen in Hessen soziales Engagement „angesagt“ ist – das halte ich für ein sehr positives und auch realistisches Ergebnis. Denn auch diese Zahl wird durch die bundesweite Studie gestützt. Die bundesweit erhobene Quote zeigt, dass das Engagement von Jugendlichen bundesweit bei 36 Prozent liegt. Wichtig ist es mir deshalb, nochmals zu betonen: Wir haben eine sehr engagierte Jugend in Hessen! Aber natürlich ist es ebenso wichtig, auch immer noch mehr Jugendliche für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen. Deshalb unterstützen wir als Hessischer Jugendring die Aktivitäten der Jugendinitiative der Nachhaltigkeitsstrategie.

 

Wie kann dazu beigetragen werden, Jugendliche für ehrenamtliches Engagement zu motivieren?

 

Das ist natürlich eine Frage, die uns in unserer täglichen Arbeit immer wieder begegnet – und die auch nicht einfach zu beantworten ist. Denn ich glaube, da gibt es ganz viele Faktoren, die eine Rolle spielen. Und man kann auch nicht einfach vereinheitlicht von „den Jugendlichen“ sprechen. Bei der Frage, ob ich mich engagiere oder ob ich mich nicht engagiere, spielen zum Beispiel die Bildungsbiographien, das Elternhaus und Vorbilder eine ganz große Rolle. Außerdem ist auch relevant, wo man lebt: In Städten gibt es eine größere Vielfalt an Engagementmöglichkeiten als auf dem Land. Auf dem Land muss man unter Umständen sehr lange unterwegs sein, um zum Beispiel zum nächsten Verband zu kommen, der sich mit dem Thema Umweltschutz auseinandersetzt. Natürlich ist es wichtig, Zugänge zu bieten: Die Jugendlichen sollten mit Organisationen bekannt gemacht werden, die sich engagieren. Das ist eine große Herausforderung für die Vereine und Verbände: an die Öffentlichkeit zu gehen und sich bekannt zu machen – und auch Kooperationen mit Schulen oder kommunalen Trägern zu suchen. Auf der anderen Seite braucht jugendliches Engagement aber auch bestimmte Rahmenbedingungen. Im Moment nehme ich wahr, dass Freiräume für Kinder und Jugendliche immer knapper werden. Die Schule nimmt zum Beispiel immer mehr Raum ein. Wir haben Entwicklungen hin zur Ganztagsschule, bei der Kinder und Jugendliche unter der Woche bis 16/17 Uhr in der Schule sitzen. Danach müssen sie dann noch Hausaufgaben machen und für Klausuren lernen. Das heißt, der Freiraum, der dann noch bleibt, um sich zu engagieren, wird immer geringer. Deshalb denke ich, man muss auch als Land Hessen darüber nachdenken, wie man Rahmenbedingungen gestaltet, um Engagement überhaupt erst zu ermöglichen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, denn es gibt viele Studien, die festgestellt haben, dass Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend zum Engagement kommen, zum großen Teil ein Leben lang engagiert bleiben. Wenn der Einstieg später erfolgt, ist es sehr viel schwieriger, die Menschen zu motivieren. Wenn wir eine Gesellschaft haben wollen, in der viele Menschen engagiert sind, dann müssen wir gerade das Engagement von Kinder und Jugendlichen stärker fördern.